Leseprobe

Kapitel 2: Was ist denn los mit euch?

„Moin, Herr Bürgermeister! Haste was für mich?“ Eberhard Watermann, genannt Ebbe, musste gegen den Motorenlärm und den steifen Nordostwind anbrüllen, aber Brüllen war er gewohnt. Musste er auf der Kanzel auch. Vier von fünf Großmütterchen, die sonntags seine Kirche bevölkerten, waren so gut wie taub.

„Moin, Herr Pastor!“, grunzte Ocke Veddersen mit dem Vorteil des Rückenwinds. „Den Brief vom Kirchenkreis mit der Finanzgarantie für deine Gemeinde hab ich dir doch gestern schon gebracht. Oder willste heute noch eine gründen?“

Schweigen schloss sich an. Das war nun auch wirklich erst mal genug Geschwätz gewesen für einen einzigen Vormittag. Auge in Auge standen sie sich eine halbe Minute lang unbeweglich im eiskalten Sprühregen gegenüber. Zwei dick vermummte, vollbärtige Männer in fortgeschrittenen Jahren auf rostigen Schienen, die zu eingefahren waren, um auch nur den Blick abzuwenden. Die Schienen ebenso wie die Männer. Würden sie sich jetzt mit ihren merkwürdigen Vehikeln rammen oder andere zirkusreife Dinge aufführen, diese beiden Recken auf ihren bizarren Streitwagen?

Die wenigen, meist völlig ahnungslosen Touristen vom Festland, die sich vor Frühlingsbeginn auf die Hallig Langeneß verirrten, hätten bei diesem Anblick nicht erkannt, dass die Konfrontation eine gewisse protokollarische Brisanz besaß. Sie hätten nur den technisch offensichtlichen Teil des Problems wahrgenommen und wahrscheinlich sofort fotografiert: die Lorenbahn. Einen bis zum Horizont mehr oder weniger geraden, schmalspurigen Schienenstrang auf fast 100 Jahre alten Eichenbohlen im kurzen Salzwiesengras, darauf zwei kastenförmige, selbstgebaut wirkende Lorentriebwagen mit knatternden Rasenmäher-Dieselmotoren, die auf diesem einen Gleis in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren.

Veddersen wollte nach Südwesten, zum Endhaltepunkt auf Langeneß. Dort teilte sich der Schienenweg in mehrere Abstellgleise, die auf einem künstlichen Grashügel ausliefen und auf denen die Halligfamilien ihre selbst gezimmerten, amtlich lizensierten Kisten für die wöchentliche Fahrt aufs Festland einigermaßen hochwassersicher deponierten. Bis auf einen kaum einen Meter hohen Sommerdeich war sonst kein Schutz vor Überflutung vorhanden; es war ja gerade das Merkmal einer Hallig, dass sie ein Dutzendmal im Jahr bei Sturm überflutet und ihre rekordverdächtig flache Weidelandschaft so mit neuen Nährstoffen versorgt wurde. Nur die künstlichen Erhöhungen für die Wohnhäuser, Warften genannt, schauten dann ein, zwei Tage lang aus den Fluten – und vielleicht noch der strategisch wichtige Lorenbahn-Abstellhügel. Aber nur in minder schweren Fällen.

Manche der Selbstfahrwagen waren mit rustikalen Aufbauten zum Schutz ihrer Führer vor Wind und Wetter versehen worden, andere nur mit wilden Schriftzügen: „Pirates of the North“, „Wir bremsen auch für Schweinswale“. Veddersens Lore trug weder Aufbau noch Parole. Sie war so abgewettert und wortkarg wie der Hallig-Bürgermeister selbst, der in seinem Hauptberuf als selbstständiger Transportunternehmer im Auftrag der Deutschen Post die tägliche Briefkiste vom Amt in Dagebüll – vom Festland aus also – auf der Lorenbahn mitten durchs trockengefallene Watt befördert hatte. Nur noch ein paar hundert Meter, und der Inhalt der gelben Kiste würde zur weiteren Verteilung auf eines der wenigen Hallig-Autos umgeladen werden. Vielleicht schon die nächste Flut, wenn sie nur etwas höher als gewöhnlich eintrat, würde die alte Bahn durchs Wattenmeer für wenigstens sechs Stunden außer Betrieb nehmen, bevor ihre Schienen wieder aus dem ablaufenden Wasser auftauchten.

Doch zuvor war die andere Lore, die des Pastors Watermann, noch auf Gegenkurs: eine ratternde und rumpelnde Viertelstunde weit nach Nordosten. Über den Zwischenhaltepunkt auf der winzigen Hallig Oland zum drei Kilometer entfernten Festland, wo an der anderen Endhaltestelle gleich mehrere Geschäfte und Gasthäuser warteten: das aufregende, wilde Leben der Großstadt Dagebüll und ihrer 920 Einwohner. Im Unterschied zu den 100 Seelen und ebenso vielen Paaren kniehoher Gummistiefel auf der Hallig Langeneß. Was immer noch beachtlich war, denn auf Olands einziger Warf waren es keine 35 Bewohner.

Ein Gleis, zwei Halligleute, zwei konträre Richtungen. Das passte nicht, das ging nicht gut, das erforderte eine Entscheidung.

Und genau zwischen ihnen musste sie fallen, durch die Betätigung einer Weiche mit Handbetrieb. Einer von beiden musste wohl oder übel sein grob gezimmertes Gefährt verlassen, also auf das Niveau der Grasnarbe und des angrenzenden Schlicks hinabsinken, die paar Schritte bis zum gusseisernen Hebel machen und die Weiche umlegen, um auf die kleine Ausweichschleife umzulenken, bis der andere auf geradem Weg vorbeigezogen war.

Aber wer? Pastor oder Bürgermeister? Hochwürden Watermann oder Würdenträger Veddersen? Ocke oder Ebbe?

„Ocke, ich hab’s büsch’n eilig heut! Paar Sachen für Theodora holen, die wir hier ja nu mol nech hebb’n.“ Ein paar Sachen für Theodora, das war Hallig-Code für „Inkontinenz-Windeln“. Theodora Veddersen, Mutter des Bürgermeisters, 99 Jahre alt und damit etwa so betagt wie die Lorenbahngleise, samt morschem Unterbau. Zu den seelsorgerischen Aufgaben des Pastors im weiteren Sinne zählte es, während seiner Hausbesuche bei Veddersens regelmäßig Theodoras Vorräte der unverzichtbaren Molton-Einlagen aufzustocken, die nur auf dem Festland ergänzt werden konnten. Er war mithin nicht nur im Auftrag des Herrn, sondern auch noch der Familie desjenigen unterwegs, der den Weg versperrte. Gutes Argument in dieser Situation! So schien es Watermann zumindest – aber hier ging es um Hallig-Diplomatie, etwa so komplex wie Friedensverhandlungen zwischen Nord- und Südkorea.

„Ebbe, immer ruhig mit den jungen Heulern! Ich bin ja kein Unmensch, wie du weißt, mit mir kann man reden. Aber die Post, die Post duldet keinen Aufschub! Stell dir man vor, deinen mordswichtigen Brief von gestern hätte die Flut verschluckt, weil die Postlore nicht rechtzeitig durchgekommen wär.“

„Flut, ja genau, das ist der Punkt! Stell du dir man vor, deine Mutter setzt die ganze Bude unter Wasser, weil ihr was Wichtiges abgeht!“

Das war mutig, fast schon frech. Sie kannten sich ja erst seit 15 Jahren – seit Watermann als junger Diakon aus Kiel auf die Hallig gekommen war. In Halligzeitrechnung also seit vorgestern. Und die Wirkung der forschen Worte war auch nicht die erhoffte. Der nagelnde Blick aus Veddersens eisblauen Augen sagte etwas ähnliches wie: Diese Art von Flut kann ruhig kommen, wir haben schon ganz andere Wasserstände überlebt als ein bisschen Inkontinenz. Was aber deine Impertinenz angeht, Kirchenschwengel, mit der werd‘ ich auch noch fertig. Ich, der aus freien und beinahe geheimen Wahlen hervorgegangene Bürgermeister. Ich, der 17 Jahre Ältere. Ich, der Chef der freiwilligen Halligfeuerwehr sowie der Laienspielschar Langeneß. Ich, der Leiter der Deichverteidigung – wenn auch ohne wirklichen Deich.

Ich, die Post, die samt und sonders Vorfahrt hat.

Es war ein ungleiches Kräftemessen, und das war es immer gewesen. Zum hundertsten Mal musste der Geistliche einsehen, dass es hier nur einen Platzhirsch gab. Und der hieß nicht Watermann, caritativer Windelservice hin oder her. Nachdem er eine weitere Minute mit stummem, nur noch gesichtswahrendem Geradeausstarren hatte verstreichen lassen, schwang sich der Pastor der Gemeinde Langeneß-Oland-Gröde langsam vom Bock seiner Lore. Dann legte er mit – wie er hoffte – huldvoll gemessener Geste den Weichenhebel um, sprang wieder auf den Bock, zog am Gashebel und ließ das Wägelchen aufjaulend aufs Nebengleis rollen.

„Moin!“ hörte er Veddersen noch grunzen, als dieser stocksteif an ihm vorbeiratterte. Schwang in diesem Wort nicht ganz klar Hochmut und Herablassung mit? Der Herr würde diesem aufgeblasenen Amtsverweser dafür schon noch zürnen, hoffte Watermann. Kommt Zeit, kommt Flut! Kommt Sintflut, kommt Jüngstes Gericht!

 

Durch das meterlange, messingglänzende Objektiv des Amateurfernrohrs blickte Meike Posipal gedankenverloren nach Föhr hinüber. Das Teleskop auf seinem Dreifuß war im Dachzimmer des Hotels An’t Haven aufgestellt. Mit Panoramafenstern, der skandinavischen Couchgarnitur und den gut bestückten Bücherregalen sollte der Raum im zweiten Stock ein allen Gästen zugänglicher Logenplatz für Schaulustige und Rückzugsbedürftige sein. Abends blickte man von hier auf unablässig sich verwandelnde Wolkenformationen, hinter denen die Sonne spektakulär im Westen versank. Dann überzog sie das Meer und den ganzen riesigen Horizont kurzzeitig mit verschiedenfarbigem Feuer, das bald darauf einem irisierenden Quecksilber und dann einem feierlichen Dunkelgrau wich. Nachts wartete auf die Besucher der Sternenhimmel, mangels Lichtverschmutzung höher und klarer als überall sonst im Land, ausgenommen vielleicht einige entlegene bayerische Alphütten. Bei günstiger Witterung und passender planetarischer Konstellation war durch die recht starken Linsen selbst der rote Fleck auf Jupiter sichtbar, wenn auch verwackelt. Aber das war hinnehmbar, man raste ja als Mensch auf dem Planeten Erde mit mehr als 100.000 Stundenkilometern durchs All – in Honolulu ebenso wie auf Langeneß.

Jetzt, am frühen Nachmittag, konnte die 35-jährige Hotelinhaberin am Strand von Wyk, über zwei Kilometer trennendes Wasser hinweg, vereinzelte Spaziergänger im Sturmwind beobachten. Ein Pärchen mit Golden Retriever lief vorgebeugt gegen den steifen Nordwest, wirbelnde Schlieren feinen Sandes umwehten in Bodennähe die Füße der beiden. Sie im gelben Friesennerz, er in orangeroter Outdoorjacke. Sie lachte ihn an, er schien nicht zu reagieren, sondern stapfte mechanisch weiter. Dem Hund hinterher und, husch, aus dem Sichtkreis des Teleskops hinaus.

Meike Posipal regulierte die Schärfe zurück, bis der Fokus auf dem gefluteten Watt lag. Helle, ruppige, nervöse Wellenkämme, dazwischen unzählige bleigraue Täler – ein lebensfeindlicher Hades, der die beinahe ganzjährig beliebte Ferieninsel Föhr vom spätwinterlichen Totenreich Langeneß trennte. Zu wenige, dachte sie, es kommen viel zu wenige zu uns.

Das Hotel An’t Haven war so gut wie jungfräulich. Die Familie hatte es erst vor acht Wochen eröffnet, ungünstigerweise mitten im Winter, aber die Bauarbeiten und die Details der Inneneinrichtung waren viel komplizierter gewesen als erwartet. Obwohl, wie es der Name versprach, tatsächlich in Sichtweite eines kleinen Schutzhafens für Boote gelegen, waren erst drei von 16 „Komfort-Zimmern“ belegt. Die Küche ein Chaos, die Speisekarte täglich neu improvisiert. Das erste Vier-Sterne-Hotel aller zehn deutschen Halligen – ein Wagnis, das hatten sie vorher gewusst. Mit Internet auf den Zimmern, Sauna und allen Schikanen, das Fernrohr nicht zu vergessen. Noch nie zuvor war das Wort „Wellness“ in einem Werbeflyer für ein Hallighotel aufgetaucht. Genau genommen hatte es noch nie zuvor einen Werbeflyer für ein Hallighotel gegeben. Das Volk von Langeneß hätte vermutlich eher geglaubt, auch Wellness sei eine neuerdings dem Meer abgetrotzte Hallig, irgendwo hinter dem Horizont. Bei England, wahrscheinlich.

Immerhin: Ihr Name stand für Gastronomie-Tradition, wenn auch nicht unbedingt für traditionelle Gastlichkeit. Davon konnte man sich auf der gleichfalls nur fünf Kilometer Luftlinie entfernten Hallig Hooge überzeugen. Seit mehr als 40 Jahren duckte sich dort das Haus Abendruh ihres Schwiegervaters unter dem Wetter weg. Es verfügte über sieben „Fremdenzimmer“, wie es dort immer noch im besten Blockwart-Deutsch hieß. Und so wurden arglose Besucher vom Festland denn auch vom alten Posipal behandelt: als notwendiges Übel, toleriert bis zur Heilung dieses Übels durch Abreise. Meike Posipal hatte eingeheiratet in die dritte Generation der Familie. Wenn man nicht die sechs oder sieben Generationen mitzählte, die sich in grauer Vorzeit noch kärglich vom Walfang oder von der Landwirtschaft ernährt hatten.

Sie hatten alles auf die Komforthotel-Karte gesetzt: das ganze eigene Geld, den mörderischen Kredit, die zukünftige Existenz. Allein diesen Bauplatz zu bekommen auf der eng besiedelten Tönningswarf, am Westende der zehn Kilometer langen Hallig, hatte nicht nur ein Vermögen gekostet. Es hatte ihnen zudem all ihr diplomatisches Geschick abverlangt, das Vertrauen der Alteingesessenen zu gewinnen. Wo sie doch von Hooge stammten, der fernen, fremden, feindlichen Raubritterburg jenseits des Wassers. Schwerer zu ergattern als diese Parzelle auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel, fünf Meter über Normalnull, war Baugrund wahrscheinlich nur noch in Manhattan. Ein gewisser Veddersen, seines Zeichens Bürgermeister, hatte zuerst seinen Segen geben müssen und sich dafür monatelang huldigen lassen wie der US-Präsident persönlich – besser nicht mehr dran denken, rief sich Meike Posipal zur Ordnung.

Doch wenn das so weiterging, wie es losging, dann würde sie auch zur letzten Generation der Familie zählen, die vom Gastgewerbe zu leben versucht hatte.

Apropos, wo trieb sich Thorke eigentlich herum?

Sie öffnete einen der Panoramafensterflügel und lehnte sich hinaus in den kalten Wind. Ein prüfender Blick in die Tiefe bestätigte ihren im Stillen schon gehegten Verdacht. Zwei Stockwerke tiefer, fast direkt unter ihr, kauerte Meike Posipals sechsjährige Tochter. Selbstvergessen in weiß gepunkteten rosa Gummistiefeln, auch den fast waagerecht fallenden Sprühregen missachtend, vor dem das überstehende Reetdach kaum schützen konnte. Ihre rotblonden Zöpfe wippten, nicht vom Wind, sondern vom lebhaften Gestikulieren. Thorkes Gesprächspartner musste irgendwo in dem Glaskasten vor ihr verborgen sein, der nicht nur aussah wie ein Aquarium, sondern auch eines war. Allerdings enthielt das oben offene, rechtwinklige Gefäß außer langweiligem Inventar wie Nordseesand, Salzwasser und einigen runden Steinen nur einen einzigen bemerkenswerten Insassen, der auch aus sieben Metern Höhe zu erkennen war. Und um sich mit diesem Geschöpf angeregt zu unterhalten, musste man wohl ein sechsjähriges Kind sein – oder Theodora Veddersen, aber das war etwas anderes.

„Hast Hunger?“, hörte Meike ihre Tochter soeben fragen. In jenem mütterlich-besorgten Tonfall, den nur kleine Mädchen so unschuldig hinbekamen, aber auch das nur bis zum Alter von vielleicht acht oder neun. Dann, und das war vielleicht das weibliche Äquivalent zum Stimmbruch, trafen sie diesen Ton für sehr lange Zeit nicht mehr. Bis sie irgendwann vielleicht selber Mütter wurden.

Ja, das Wesen hatte offenbar Hunger. Denn als nächstes plumpsten mehrere kleine Krebse ins Aquarium, die Thorke schon in einem ebenfalls wassergefüllten roten Eimerchen bereitgehalten hatte. Nicht, dass der Empfänger dieser Krebse jetzt einen Freudensprung oder eine ähnlich impulsive Bewegung gemacht hätte, die auf großen Appetit schließen ließ. Er saß scheinbar ganz ruhig da, als ob nichts geschehen wäre, ein wenig eingesunken in Nordseesand, 20 Zentimeter unter dem künstlichen Wasserspiegel.

„Stimmt gar nicht!“, rief Thorke da mit etwas Gekränktheit in der Stimme Richtung Aquarium: „Die sind ganz frisch!“ Hatte sich das Wesen bei ihr beschwert? Hatte es das Essen zurückgehen lassen? Thorke jedenfalls schien jetzt um ihren Schützling bemüht wie der vom Gast herbeigerufene Geschäftsführer eines Sterne-Restaurants. Sie stocherte mit einem Stöckchen nach den Krebslein und versuchte, sie in Richtung des Wesens zu bugsieren. Meike Posipal musste bei dem Gedanken lächeln, wie der entsprechende Vorgang in einem Gourmet-Tempel mit einem menschlichen Gast am Tisch ausgesehen hätte.

Aber da war vielleicht noch ein anderer Grund für den mangelnden Appetit des Aquariumbewohners, denn auch die bis auf Tuchfühlung herangeschafften Krebse verschmähte er weiter. „Ja, ich weiß“, hörte Meike Posipal ihre Tochter ebenso nachsichtig wie altklug diagnostizieren, „du willst gar nicht essen. Du willst nicht dick werden. Du willst eine Frau!“

Ach du grüne Neune! Dieser Gedanke und die Konsequenzen daraus – stundenlanges Herumstehen mit einem Käscher im eiskalten Flachwasser – sollten sich jetzt aber bitte nicht im Kopf des Kindes festsetzen, entschied Meike Posipal. Sie lehnte sich noch weiter hinaus und rief nach unten: „Huhu, Thorke! Ich bin’s, hier oben! Weißt du, ich bin sicher, Glm verdaut einfach noch die Krebse von heute morgen. Kommst du rein, bitte? Gibt gleich Kakao und Kuchen!“

Glm. Sie hatte es ausgesprochen, Thorke zuliebe, der Schöpferin dieses Namens. Ganz ohne Vokal, so als ob nichts dabei war. Wie den Namen eines alten Freundes. Und doch mit jenem unmerklichen Zögern, wie es entstand, wenn Erwachsene all ihre Selbstüberwindung zusammenklaubten, um an der Strandbude die unaussprechliche Lieblings-Eismarke ihrer Kinder über die Lippen zu bringen: Flutschfinger. Psst, ich hätte gern dreimal Flutschfinger, bitte, psst! Eine Pein, die für denkende Menschen kaum auszuhalten war. Aber was tat man nicht alles.

Die Sache mit Glm war drei Wochen zuvor über sie hereingebrochen: Thorke hatte vom Herumstromern im Schlick des Watts bei Eiseskälte etwas nach Hause gebracht. In ihrer Manteltasche, wie Meike Posipal sich mit Schaudern erinnerte, denn sie hatte es darin gefunden. Und es war, zumindest stellenweise, glitschig gewesen. Und es hatte sich bewegt.

Als es ans Licht kam, war es ein Schneckenhaus. Ein ziemlich großes, mehrfach gewendeltes und mit ein paar Seepocken bewachsenes Meeresschneckenhaus. Samt Schnecke, was Thorke offenbar durch den häuslich zurückgezogenen Zustand des Tieres entgangen war. Für sie war es nur ein schönes, großes, elfenbeinfarben schimmerndes Schmuckstück gewesen.

Nicht so für ihre Mutter. Nach überstandenem Schock der Entdeckung von Leben im Schneckenhaus und gründlichem Händewaschen konsultierte sie Google und fand bestätigt, dass es sich bei dem mehr als zehn Zentimeter großen Gehäuse samt ledrig-muskulösem Inhalt um das ausgewachsene Prachtexemplar einer Wellhornschnecke handelte. Buccinum undatum, sagten die Gelehrten. Vorkommen im gesamten Nordatlantikraum, zumeist in Wassertiefen zwischen fünf und 1200 Metern.

Mit diesem Wissen war rasch ein altes Aquarium vom Speicher geborgen und aus einem schwer in Worte zu fassendem Misstrauen heraus vor dem Haus aufgestellt worden. Erste Versuche einer Fütterung seines neuen Insassen mit im Wasser versenkten Salatblättern durch Thorke hatten jedoch nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Eine erneute Recherche bei Wikipedia machte den Grund klar: Es handelte sich hier um ein Raubtier, einen Fleischfresser, der in freier Wildbahn Muscheln, Krebse und Würmer erbeutete. Und zwar mit erstaunlich flinken und brutalen Attacken; auf weichem Sand konnte so eine Wellhornschnecke ein echter Renner sein. Die harten Panzer und Schalen ihrer Beutetiere griff sie mit einer von langen, dolchartigen Zähnchen gespickten Raspelzunge an, die ganze Fleischstücke herausriss und in kleinste Stücke zerrieb. Eine Herzmuschel von der Größe eines Euro-Stücks war auf diese Weise nach einer Viertelstunde vollständig verspeist. Und die sonst so hibbelige Thorke, die auf einmal überraschend geduldig eine Stunde und länger vor dem Glasbehälter ausharren konnte, war nach diesem Gewaltakt wie verhext von ihrem neuen Schützling.

„Wie willst du unseren kleinen Tyrannosaurus Rex eigentlich nennen?“, hatte Meike Posipal ihre Tochter gefragt. In Ermangelung einer schnellen Antwort hatte sie ihr auch noch hilfreich einige Namensvorschläge gemacht: Rexi, Sauri, Welli, Schnecki; was kleine Mädchen eben so niedlich finden mochten. Doch nichts hatte Thorke überzeugt. Und so war das Problem vertagt worden.

An einem Freitagabend vor einer Woche, nach einer besonders langen, einsamen Sitzung im Dämmerlicht vor dem Aquarium, war das Kind dann verfroren, aber aufgeregt ins Haus gekommen. Meike Posipal saß gerade in der improvisierten Hotelküche und beratschlagte mit Danuta, ihrer 22-jährigen polnischen Berufspraktikantin, über kleine Imbisse für den nächsten Tag. Danuta war zwar keine Köchin und außerdem im Deutschen noch nicht besonders sattelfest, hatte sich aber bereits als geschickt im Improvisieren erwiesen, als attraktiver Blickfang für die wenigen Hotelgäste – und nebenbei als ebenso herzliche wie hartnäckige Thorke-Bändigerin. Ein Teil der Magie bestand wohl darin, dass sie ebenfalls gerne Zöpfe trug.

So waren die Hotelchefin und ihre Praktikantin die ersten, denen Thorke mit der gewissenhaften Miene einer Forscherin verkünden konnte: „Ich weiß jetzt, wie er heißt!“

„Er? Woher weißt du, dass es ein Männchen ist?“, fragte ihre Mutter.

„Na, das hört man doch schon an der Stimme!“

„Och, Thorkechän“, lachte Danuta über ihr ganzes, hübsches Gesicht, „kennen doch Schnäcken niicht sprräächen, weißt du?“

„Diese aber doch!“

„Hm.“ Man musste Kinder in ihrer Phantasie fördern und nicht abwürgen. Erziehungsratgeber-Wissen. Meike Posipal entschloss sich, das Spiel mitzuspielen.

„Na gut. Also: Wie heißt … er?“

„Glm.“

„Wie bitte?“

„Er heißt Glm.“

„Du meinst sicher, äh: Glumm. Oder Glomm? Danuta, gibt es solche Namen bei euch in Polen?“

Thorke stampfte mit dem Fuß auf: „Nö, das ist doch keine Schneckensprache!“

„Aber dein Wort hat ja nicht mal …“

„Das ist nicht mein Wort, das ist sein Wort. Er heißt Glm!“

Und das war das gewesen.

 

„Meine Damen und Herren, bevor wir nun gleich absaufen, möcht ich noch eben schnell kassieren!“

Ocke Veddersen blickte sich nach achtern um und wartete auf die Wirkung seiner launigen Durchsage. Er war gerade in seinem Element, was man vom Rest der Bootsbesatzung nicht gerade behaupten konnte. Da saßen fünf elende Landratten, die meisten von ihnen im Rentenalter, festgekrallt auf einem Bänkchen im offenen Heck der Francis Drake, um nicht alle paar Sekunden wie übereifrige Kinder auf einer Wippe in die Luft geschleudert zu werden und endlich über Bord zu gehen. Das nur sieben Meter lange Motorboot schaukelte auf den Wellen wie ein Korken, was durch die Hebelwirkung am Heck besonders spektakuläre Effekte bewirkte. Die Gesichter der meisten Unglücklichen, die aus seefahrtsfernen Orten wie Castrop-Rauxel oder Schwäbisch Hall stammten, zeigten verschiedene Schattierungen von Grün. Nur eine oder zwei robustere Naturen lächelten angestrengt, bevor sie in ihren Tagesrucksäcken und Portemonnaies nach Zehn-Euro-Scheinen zu graben begannen.

Das war der Preis für das Abenteuer, als nichtsnutzige Touristen den Postschiffer von Langeneß bei der Arbeit begleiten zu dürfen. Veddersen hielt sich einiges auf seine Flexibilität zugute, mit Briefen und Paketen nicht nur auf der Lorenbahn im Einsatz zu sein. Diese Einschränkung hätte allzu häufige Ausfälle bedeutet, denn wann immer die Flut gemäß dem Tidenkalender zur Unzeit eintrat oder durch ungünstige Winde länger und höher ausfiel als geplant, war auf dem überspülten alten Bahndamm zwischen Festland und Hallig kein Durchkommen. Dann kam die Stunde der Francis Drake. Sie war ein weiß lackiertes Kunststoffboot mit Steuerhaus, Funkmast und Suchscheinwerfer, das der Bürgermeister in diesen Fällen für einen Post-Törn flottmachte. Und ein Abstecher führte stets von Langeneß hinüber nach Gröde, der kleinsten Hallig in Veddersens amphibischem Revier. Gröde hatte keinen Lorenbahn-Anschluss, war also ganz und gar von den nautischen Fähigkeiten des Post-Dienstleisters abhängig.

Als sie zwei Stunden zuvor in See gestochen waren, hatte es noch nach einem ruhigen und sonnigen Tag ausgesehen, der sogar schon etwas Frühling ahnen ließ. So hatten sich relativ rasch fünf Sterbliche gefunden, die auf Grödes Kirchwarf das uralte Bethaus samt angrenzendem Klassenzimmerchen für sage und schreibe zwei Hallig-Grundschüler besichtigen wollten – und insgeheim etwas Piratenluft atmen, die der Bootsname verhieß. Dazu passend und ebenso werbewirksam wie vertrauenseinflößend war Veddersens weißgrauer Rauschebart im knorrigen Gesicht, der aus ihm einen Seebären wie aus einem Kinofilm machte.

Doch dann hatten sich noch während des Rundgangs auf der Einöd-Hallig massive Wolkenformationen gebildet, die scharf aus Nord über Gröde herfielen, derweil Veddersen mit der Ent- und Beladung der Päckchen vom Tage beschäftigt war. Vielleicht war das unausweichlich gewesen, vielleicht lastete ja ein Fluch auf diesem schutzlosen Ort. Oder warum sonst war in der reetgedeckten, windumtosten Gröder Kirche St. Margarethen über dem reich verzierten Altar von 1592 ein Vers eingraviert, der einem trotz der prachtvoll mit Blattgold ausgekleideten Buchstaben eine Gänsehaut verursachen konnte: Und die Steyne in den Mauern werden schreyen, und die Balcken am Gesparre werden ihnen antworten.

Eine Prophezeiung, die der Besucher besser erst mal sacken ließ, falls er mit dem Gedanken spielte, sich dauerhaft auf Gröde niederzulassen. In der zugrunde liegenden Bibelstelle aus dem Buch des Propheten Habakuk ging es um die Bestrafung gottloser Menschen, die ihre Existenzen „auf Unrecht gründeten“ und „auf Blut bauten“. So hob es Pastor Watermann, der auch für Oland und Gröde zuständig war, immer mal gerne drohend in der Sonntagspredigt hervor, wenn der Zorn über seine Knechtung durch den Bürgermeister wieder besonders tief saß. Aber auch das ehrwürdige Gotteshäuschen selbst hätte vielleicht einiges zum Thema „schreiende Steine“ erzählen können. Es war der fünfte oder sechste Kirchenbau an dieser Stelle; die vorherigen waren zusammen mit allen anderen Häusern ihrer Epoche von grausamen Sturmfluten weggespült worden.

So hatten die Dinge auf der Rückfahrt ihren nur für arglose Landeier überraschenden Verlauf genommen: Wind, Wellen und Würgreiz auf den gar nicht so billigen Plätzen.

„Was ist denn los mit euch?“, hakte der Postschiffer in geheuchelter Betroffenheit bei seinen grünlichgrauen Fahrgästen nach, während er im Unterstand heftig am Steuerrad kurbelte, um einer von Wind und Seegang ungerührt dahinpflügenden Autofähre der Wyker Dampfschiffs-Reederei auszuweichen. „Das ist hier ein Boot und kein ICE!“

Allerdings kaschierte sein Hallighumor nur schlecht, dass es selbst einem so erfahrenen Bootslenker wie ihm an diesem Tag erst im zweiten Anlauf gelang, beim Anlegemanöver auf Langeneß den klapprigen Steg zu treffen und die Leine festzumachen. Über die Planken des Anlegers ergossen sich inzwischen schon regelrechte kleine Brecher, sodass an eine Landung trockenen Fußes nicht zu denken war. Die Passagiere, heilfroh über die zum Greifen nahe Rettung, zogen trotz der Kälte gottergeben Schuhe und Strümpfe aus, um nacheinander jeweils möglichst in einem Wellental vom Bootsrand auf den schlüpfrigen Steg zu springen – und eiligst zu sehen, dass sie Land gewannen. Warum gab es hier keine Reiseleistung, bei der man sich über den Zustand der Nordsee beschweren konnte?

Als letzter ging der Käpt’n von Bord. Auch kein schöner Anblick, barfuß, die Hosenbeine des alten Blaumanns hochgekrempelt und dennoch bis hoch in den Schritt von Gischt durchnässt, bleiche Waden entblößt. Gut, dass das keiner der Touristen mehr sah. Gut, dass das überhaupt keine Menschenseele sah.

Bis auf eine.

Am Ende des Steges, in Ölzeug und dunkelgrünen Gummistiefeln, die ihr bis unter die Achseln zu reichen schienen, trotzte breitbeinig eine winzige alte Dame den Elementen. Warten konnte sie offenbar nicht aus dem Gleichgewicht bringen, gewartet hatte sie schon seit einer halben Stunde. Obwohl es nicht regnete, hatte sie einen breitkrempigen Südwester tief ins Gesicht gezogen, nur ihre lange Nase und einige wirre Haarsträhnen lugten darunter hervor. Eine merkwürdige Energie ging von der kleinen, drahtigen Person aus. Dass es Radioaktivität war, ließ sich nicht ohne weiteres ausschließen.

„Sind alle da“, beschied Theodora Veddersen ihren Sohn mit heiserer Stimme und unbewegter Miene, ohne ein Wort über die Wetterkapriolen oder die Umstände des Landemanövers zu vergeuden. „Warten in der Küche.“

Und wirklich, da waren sie. Um den ovalen Küchentisch herum saßen in Veddersens Wohnküche sechs Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Langeneß, darunter Pastor Watermann und Meike Posipal. Auf dem Herd zischte und bullerte der Teekessel, unter der niedrigen, holzgetäfelten Decke summte eine Fliege. Ocke Veddersen trug frische Socken und eine neue Hose, als er gemessenen Schrittes den Raum betrat und seinen freigehaltenen Stuhl besetzte. Draußen rappelte der Sturmwind an den Fensterläden. Mit breiten Daumen ließ der Bürgermeister die Hosenträger schnalzen. „Moin!“

Die Versammlung war eröffnet. Das Thing, wie es der Bürgermeister in seiner Selbstwahrnehmung als germanisches Stammesoberhaupt zu nennen beliebte. Nur ein Stuhl am Tisch war immer noch frei.

„Ich habe euch zu diesem Thing einbestellt“, begann Veddersen gebieterisch, „weil ihr die erfahrensten und angesehensten Halligleute seid“ – ein Hauch von Selbstzufriedenheit huschte über einige Gesichter – „oder mehr oder weniger wichtige Funktionen in unserem Gemeinwesen innehabt“. Bei diesen Worten achtete der Hausherr sorgfältig darauf, niemandem ins Gesicht zu sehen, doch das höfliche Lächeln geriet sowohl Pastor Watermann als auch Meike Posipal mit einem Mal merklich angestrengter. Treffer, registrierte der Halligchef aus dem Augenwinkel.

„Deshalb möchte ich, dass ihr alle Zeugen seid, wenn wir heute zum ersten Mal seit mehr als sieben Jahren“ – er legte einen braunen, recht dicken, bereits aufgerissenen Briefumschlag vor sich auf den Tisch – „den Theodora-Test machen“.

Ein Raunen ging durchs Zimmer. Leises Erschaudern schwang darin ebenso mit wie die Gier nach etwas Magischem, Erhabenen, Unumstößlichen. So schien es zumindest Meike Posipal, die vor mehr als sieben Jahren noch „Fremdenzimmer“ auf Hooge gereinigt und folglich noch nie einem Theodora-Test beigewohnt hatte. Allerdings hatte sie über das letzte Mal mehr als genügend Geschichten gehört.

„Das hier habe ich vorgestern erhalten“, erläuterte derweil Veddersen, dem Umschlag vorsichtig eine Visitenkarte, nicht aber das eigentliche Schreiben entnehmend. „Was in diesem Brief steht, könnte die Zukunft unserer Hallig, ja vielleicht aller Halligen und sogar unserer Nachbarinseln bis hinauf nach Sylt entscheidend verändern. Der Absender“ – er kramte eine Lesebrille hervor, setzte sie auf und nahm die Visitenkarte demonstrativ unter die Lupe, bis ihm die Kunstpause lang genug erschien – „ist ein bekannter und vermögender Unternehmer aus dem Ruhrgebiet“.

Veddersen reichte das Kärtchen an Meike Posipal zu seiner Rechten und damit an die Runde weiter. Die Hotelbesitzerin war als Erste an der Reihe, die in Schnörkel-Schreibschrift gesetzte Karte zu entziffern:

Senator Dr. h.c. mult. Konrad Klapp
Alleingesellschafter der Wattenscheider Maschinenbau AG
Bochum-Wattenscheid

Schweres Büttenpapier, das „W“-Logo als Relief hervortretend. Ratlos übergab sie das Stück Karton an ihren Nebenmann, den Pastor. Der warf nur einen kurzen Blick darauf, um sich gleich darauf zu erheben und den Bürgermeister mit donnernder Kirchenstimme anzufahren:

„Bürgermeister, Ocke, Mensch! Solltest du uns nicht erst einmal sagen, was in dem Brief da überhaupt drinsteht? Und sollten wir nicht anschließend als gute Demokraten auf der Basis des gesunden Menschenverstandes darüber beraten und dann einen Beschluss fassen – zu welchem Thema auch immer? Ich meine: der Theodora-Test, um Himmels Willen! Die Fähigkeiten deiner Mutter in allen Ehren, aber mit Verlaub, das ist schlichtweg Aberglauben, Spökenkiekerei, und das kann ich nicht …“

Plötzlich stand auch Veddersen, und zwar breitbeinig, Daumen hinter die Hosenträger geklemmt.

„Ebbe, nu halt du mal kurz deine heilige Luft an! Du wirst schon alles, was not tut, erfahren. Das gilt für euch alle hier. Aber alles zu seiner Zeit! Und für die Neuen hier am Tisch“ – diesmal schien es Meike Posipal, dass er gezielt sie in den Blick nahm – „möchte ich daran erinnern, dass der Theodora-Test immer funktioniert, aber nur, wenn das Medium nicht durch die Rückstände sogenannter rationaler Argumente in seinem Urteil beeinflusst wird. Die Raumluft darf nicht von widerstreitenden Meinungen gewöhnlicher Geister verschmutzt sein, wenn sie sich an die Arbeit macht! So läuft das hier seit Jahrzehnten, wenn wir ein Orakel brauchen, und so lief das davor schon bei ihrer Mutter, Clarabella Henningsen, einer gleichfalls allseits anerkannten Spökenkiekerin. Sie wiederum hat bekanntlich damals vorausgesagt, dass es keine gute Idee wäre, auf Langeneß eine Abschussbasis für die V2-Rakete zu errichten. Und das ist ja dann wohl auch nicht passiert.“

„Ja, willst du vielleicht damit sagen, der Führer hätte auf Clarabella Henningsens Eingebung gehört?“, ereiferte sich Watermann lautstark, von religiösem Eifer befeuert und noch nicht zur Kapitulation bereit.

„Ich will damit sagen, dass sie eine Katastrophe voraussah, und dass keine Raketenstation gebaut worden ist!“

„Das hat sie 1946 ‚vorausgesehen‘! Der Krieg war seit einem Jahr vorbei und der olle Hitler samt seiner Vergeltungswaffen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet! Clarabella litt an Demenz, sie hatte das Kriegsende überhaupt nicht mitbekommen!“

„Aber ist sie gebaut worden, Herr Pastor? Die V2-Station?“

„Nein, verdammt, natürlich nicht!“

„Seht ihr?“

Die gute, alte paradoxe Synthese. Sie mochte ein billiger rhetorischer Trick sein, den sich Veddersen vor Urzeiten mal aus einem Logik-Lehrbuch angelesen hatte, aber in Regierungsämtern auf Langeneß bewährte sich dieses Stilmittel immer wieder aufs Neue.

„Ich finde, wir sollten Theodora hören.“ Eine leise Stimme, indes voll scheuer Hoffnung. Thekla Reichel, die Halligladen-Verkäuferin.

„Ja, Theodora soll wahrsagen!“ Jan Baack, Kassenwart der örtlichen Volksbank-Filiale, die nicht viel mehr war als ein Hinterzimmer mit abschließbarer Geldkassette und Öffnungszeiten „nach Klopfzeichen“. Baack war dennoch der einzige mit einem Finanzwissen, das über das kleine Einmaleins hinausging. Und selbst so ein Erbsenzähler wollte nun im Kaffeesatz lesen lassen? Aber vielleicht witterte er Geld, dachte Meike Posipal, vielleicht lag hier ja wirklich die Chance in der Luft, auf irgendeine Weise Umsätze und Gewinne anzukurbeln. Vielleicht kamen dadurch Gäste auf die Hallig. Gäste, die eine Sauna und ein Fernrohr zu schätzen wussten.

„Ähm, wie funktioniert das jetzt noch mal genau mit dem – Orakel?“, fragte die Hotelchefin, die sich dabei ertappte, dieses Wort fast so schwer über die Lippen zu bringen wie den Namen Glm.

„Theodora setzt sich an den Tisch“, eröffnete Veddersen feierlich, froh über diese Gelegenheit. „Wir übergeben ihr einen symbolischen Gegenstand, die Prophezeiung betreffend. Für angemessen halte ich in diesem Fall die Visitenkarte des Herrn Klapp. Theodora versenkt sich in den Gegenstand, sie fällt in Trance. In diesem Zustand stelle ich ihr die Frage, zu der sie die Zukunft vorhersagen soll. Dann ermittelt sie die Antwort, die nur aus einem Wort besteht: ‚Jo!‘ oder ‚Nee!‘ Zu diesem Zweck beginnt sie, ihren Oberkörper hin und her zu wiegen. Alle anderen fassen sich an den Händen. Die Hälfte von uns, die am Tisch links von ihr sitzt, ruft jedes Mal ‚Jo!‘, wenn Theodora zu ihr hin pendelt. Die anderen, rechts von ihr, rufen ‚Nee!‘, wenn sie sich zu ihnen hinüberneigt. Und das wiederholen wir so lange, bis Theodora sich endgültig für eine Seite entschieden hat. Das ist dann die Prophezeiung. Ich selbst sitze ihr genau gegenüber, mache den Vorsänger und bin ansonsten neutral. Alles klar?“

Zunächst entgegnete niemand etwas. Watermann schien sich in den inneren Schmollwinkel zurückgezogen zu haben.

„Was heißt das, du machst den Vorsänger?“, erkundigte sich schließlich wiederum Meike Posipal misstrauisch beim Bürgermeister. Der Pastor hob die Augen stumm zur Decke.

„Wart’s ab“, antwortete Veddersen, der sich durchaus auch als den Medizinmann des Stammes betrachtete. „Es fördert das Eintreten und Aufrechterhalten der Trance. Ohne Trance kann Theodora die Antwort nicht sehen.“

„Und wir wissen bis zu dem Moment nicht einmal, worum genau es geht oder nicht geht?“

„Es geht nicht um V2-Raketen, Meike“, versicherte Veddersen gönnerhaft. Das musste nun aber genügen.

Die Tassen wurden vom Tisch geräumt, die Lichter bis auf eine in der Tischmitte positionierte Kerze gelöscht, die Fensterläden von außen geschlossen. Der Wind hatte nicht nachgelassen, eher im Gegenteil. Es rappelte und heulte, als ob das Gespenst von Canterville ums Haus strich. In letzter Minute wechselte Ebbe Watermann, im Austausch gegen Banker Baack, die Tischseite. Er wollte im „Nee!“-Lager sitzen, unabhängig davon, wie die Frage lautete. Es schien ihm die einzige verbliebene Chance, seinen Protest gegen den ganzen heidnischen Spuk zum Ausdruck zu bringen. Ein Ausbruch aus der Runde unter Protest hätte ihm eher die Rolle eines Aussätzigen eingebracht, das konnte auch nicht im Sinne des Herrn sein.

Als alle auf ihren endgültigen Plätzen saßen und das Geplapper während der Vorbereitungen einer erwartungsvollen Stille gewichen war, streckte Ocke Veddersen seine Seebärenpranken nach links und rechts aus und ergriff die Hände seiner Platznachbarn. Die taten es ihm, nach kurzem Zögern, mit ihren jeweiligen Nachbarn gleich, bis das Oval fast geschlossen war. Nur der leere Platz vor dem Fensterchen am schmalen Ende des Tischs verhinderte dies noch. Auf einem Porzellanteller lag dort Klapps Visitenkarte wie eine Vorspeise serviert.

Der Bürgermeister senkte das fast kahle Haupt.

Hinter seinem Rücken öffnete sich knarrend die Tür.

In ein weißes Kleid gewandet, das einem Totenhemd nicht unähnlich war, im strähnigen Haar einen Kranz aus getrockneten Myrtenblüten, trat barfuß die fast hundertjährige Theodora Veddersen in die Küche. Wortlos trippelte sie zu ihrem Stuhl, ließ sich nieder und blickte starr geradeaus in eine unermessliche Leere. Die existierte offenbar nur für sie, wo für alle anderen sichtbar gegenüber am Tisch ihr Sohn saß. Der seinerseits hob den Blick wieder, fasste seine Mutter ins Auge und fragte:

„Theodora, bist du bereit für das Orakel?“

„Bereit“, krächzte das Medium fast tonlos, ohne die kleinste Regung.

„Dann nimm den Gegenstand, den wir dir anbieten, zur Hand.“

Mit beiden zittrigen Händen ergriff die alte Frau die Visitenkarte und hielt sie sich in Augenhöhe vors Gesicht, dessen Falten das Kerzenlicht mit geisterhaften Schatten untermalte. So verharrte sie, mit fast geschlossenen Lidern, wohl zwei Minuten lang.

„Theodora, wir fragen dich“, dröhnte der Bürgermeister: „Wird dieser Mann unserer Hallig Glück bringen?“

Einen Augenblick lang schien die Angesprochene ihren Sohn zu erkennen. Dann ließ sie das Kärtchen auf den Teller zurücksinken und ertastete mit ihren dürren Fingern die Hände ihrer Nachbarn links und rechts. Das Oval aus Körpern war geschlossen.

In diesem Moment schrak Meike Posipal zusammen. Auf der Theodora gegenüber liegenden Tischseite hatte eine Art Klagelaut angehoben, auf- und abschwellend, ein rasselnder, andauernder Basston, der direkt aus einer mächtigen Orgelpfeife zu kommen schien. Ergänzt durch eine rhythmisch aufjaulende Kopfstimme, die indes keiner menschlichen Sprache glich. Es war Veddersen, der Bürgermeister. Der Chef-Schamane. Der Vorsänger.

Uum-ooooh-a! Uum-ooooooh-a!“

Und sofort zeigte Theodora Wirkung. Das Medium begann sich auf seinem Stuhl im Takt zu wiegen. Zunächst nur vor- und rückwärts, doch dann plötzlich leicht nach links. „Jo!“, entfuhr es Halligbanker Baack verzückt, und die anderen auf seiner Seite fielen ein: „Jo!“

Das alles unterlegt mit Veddersens unablässigem Rasseln und Jaulen: „Uum-ooooh-a! Uum-ooooooh-a!“

Da schwankte Theodora langsam auf die andere Seite. „Nee!“, riefen zwei Stimmen zugleich, woraufhin Pastor Watermann verbittert nachlegte: „Nee, Jesus Christus!“

Uum-ooooh-a, Uum-ooooooh-a!“ Zurück schwang das menschliche Pendel.

„Joooooo!“ – im Gleichklang diesmal.

Uum-ooooh-a, Uum-ooooooh-a!“ Und wieder zurück.

„Neeeeee!“

„Joooooo!“

„Neeeeee!“

Sie hatten Zutrauen zu diesem Ritual gefasst. Alle Scham war von ihnen abgefallen, die Energie der kleinen Person auf dem Fensterplatz durch aller Arme hindurch in sechs Kehlköpfe gefahren. Selbst der Pastor blieb im Takt.

„Joooooo!“ – „Uum-ooooh-a, Uum-ooooooh-a!“ – „Neeeee!“ So vergingen zwei Minuten. Während Theodora pendelte, geriet Ocke Veddersen als musikalische Dampfmaschine allmählich in Schweiß. Es war nicht auszuschließen, dass er sich womöglich selbst in eine Art Trance gebrummt hatte. Im Zustand der Umnachtung aber war definitiv seine Mutter, die einen Bauchtanz ohne Bauch aufführte, ein Schunkeln ohne Karneval, ein beängstigend transzendentales Wiegen.

Und plötzlich war es zu Ende. Theodora Veddersen saß kerzengrade, aufrecht wie eine Salzsäule, starr wie ein Stalagmit. Geometrisch genau in der Mitte. Dann brach sie nach vorn zusammen, wobei ihr Kopf dumpf auf die Tischplatte schlug. Der Myrtenkranz fiel ihr vom Haupt und rollte vom Tisch. Theodoras Hände zuckten. Ihr Sohn verstummte. Nach einer weiteren Schrecksekunde brach Chaos aus.

Während die einen die immer noch zuckende Greisin ergriffen und auf eine Couch betteten, andere nach dem Verbandskasten oder einem Glas Wasser suchten, der Bürgermeister selbst schließlich die Risswunde an der Stirn seiner inzwischen wieder zu sich kommenden Mutter versorgte und der Pastor allerhand Stoßgebete um Hilfe und Vergebung beisteuerte, verwunderte sich nur die immer noch am Tisch hockende Meike Posipal:

„Und? Was hieß das jetzt? Ja oder Nein?“

Halligbanker Baack, der sich im entstandenen Trubel gleichfalls noch nicht nützlich gemacht hatte, neigte sich der Hotelbesitzerin wie ein Verschwörer zu, der sein revolutionäres Wissen zu teilen bereit war, und raunte:

„Vielleicht sollten wir uns diesen Klapp einfach mal ansehen.“

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